Es überrascht mich immer wieder aufs Neue, festzustellen, was sich die Leute, ja sogar Christen, unter Liebe und was unter Verliebtheit vorstellen. Schuld daran sind wohl auch all die einschlägigen Liebesromane, nicht enden wollenden Telenovellen, romantischen Liebesfilme und Zeitschriften. Aber alles andere als unschuldig an dieser verzerrten Darstellung sind, so glaube ich mittlerweile, auch unsere Dichter. Die Leute verwechseln Verliebtheit mit Liebe. Das hat mich dazu bewogen, mir über dieses Thema eingehender Gedanken zu machen und Erklärungen anzubieten.
Das Wichtigste gleich zu Anfang: Liebe ist kein Gefühl! Wenn Sie diese Feststellung jetzt weder abgeschreckt noch wütend gemacht hat, lesen Sie bitte weiter…
Liebe und Verliebtheit haben relativ wenig gemeinsam. Wenn man nach Dingen fragt, die die Verliebtheit betreffen, wäre zunächst einmal zu klären, was das eigentlich ist - Verliebtheit.
Ja, genau. Verliebtheit ist ein Gefühl. Eine chemische Reaktion (der Name des betreffenden Stoffes ist "Phenylethylamin") steht hinter diesen unvergleichlichen Gefühlen. Es ist fast zum Lachen, aber viele Symptome ähneln tatsächlich denen der Grippe :-) Die meisten verlieben sich in eine Person des anderen Geschlechts und legen dann häufig ein durchaus unvernünftiges Verhalten an den Tag. Und Hilfe ist nicht in Sicht. Auch Duschen und Abfrottieren helfen da nicht weiter. Da kann man sich noch so lange einreden, dass das keine gute Idee ist, wo doch sogar eine Ehe dabei kaputtgehen kann. Es ist schwierig, sich wieder zu „entlieben“ und die ganze Sache logisch zu betrachten. Der Zustand der Verliebtheit schenkt auf der einen Seite unbeschreibliche Glücksgefühle (vor allem dann, wenn die eigene „Begeisterung“ erwidert wird), auf der anderen Seite aber wird eine verliebte Person nachts häufig buchstäblich um den Schlaf gebracht und von der Fähigkeit, sich im Alltag noch auf konkrete Dinge konzentrieren zu können, kann auch keine Rede mehr sein. Wir haben es hier also mit einem echten Problem zu tun. Der/die Verliebte fühlt plötzlich edle Tugenden in sich aufstiegen, von denen er bislang gar nicht ahnte, dass er sie besaß. Für das geliebte Gegenüber wäre er/sie fähig, sein/ihr Leben hinzugeben, ihr/ihm den Himmel auf die Erde herunterzuholen, bis gestern noch „unüberwindliche“ Hindernisse aus dem Weg zu räumen, der beruflichen Karriere „Goodbye“ zu sagen und dem geliebten Gegenüber sogar den kompletten materiellen Besitz zu überlassen....
Verliebtheit scheint also völlig selbstlos und ganz toll zu sein. Und doch ist hier irgendwo der Wurm drin. Es redet selbstverständlich niemand darüber, aber die Wahrheit ist, dass Verliebtheit letztlich doch nicht so selbstlos ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Verliebte sagen - und meinen es auch wirklich so: „Ich mache alles für dich. Ich werde dich verwöhnen und auf den Armen tragen! Ich werde für dich sorgen! Ich werde dein großer Rückhalt sein! Ich werde dich beflügeln! Du wirst den ersten Platz in meinem Leben einnehmen!“ Tut mir leid, aber dieser Platz darf keinem anderen gehören als unserem himmlischen Vater. Sehr oft aber nehmen diesen Platz Frauen oder Männer ein, die in unserem Leben eine Rolle spielen:-(
Ein weiteres Problem der Verliebtheit besteht, ob wir uns dies eingestehen oder nicht, darin, dass die oben zitierten Versprechen in Wirklichkeit mit einer stillschweigenden Bedingung verbunden sind, die da lautet: „… wenn du mich auch lieben wirst!“ Wenn Verliebtheit über einen längeren Zeitraum hinweg nicht erwidert wird, verwandelt sie sich in Verzweiflung, ja häufig sogar in ihr genaues Gegenteil – in Hass.
Ein weiteres Problem der Verliebtheit ist ihre Kritiklosigkeit. Wir sind nicht fähig, am Objekt unserer Verliebtheit auch nur den kleinsten Fehler zu entdecken, und wenn ein gewisser „Mangel“ dann doch nicht wegzudiskutieren ist, tun wir diesen mit einem beiläufigen Abwinken als völlig unbedeutend ab. Unser/e Auserwählte/r ist ganz einfach perfekt, man ist - ja, sieht das denn keiner? - wie füreinander geschaffen, alles ist einfach ganz toll. Mag die Verliebtheit mitunter sogar bis zur Hochzeit andauern, früher oder später ist es damit vorbei und nach und nach fallen die berühmten Schuppen von den Augen. Dann ist man unangenehm überrascht von all den Fehlern des anderen, die man früher nicht sah. Charakterzüge und Verhaltensweisen, die man früher so niedlich, so cool fand, werden plötzlich unerträglich. Die Hormone haben sich beruhigt, die Verliebtheit ist weg – und was jetzt?
Ich möchte mich hier nicht als Eheberater versuchen und nicht von unserem eigentlichen Thema, dem Unterschied zwischen Liebe und Verliebtheit, abschweifen. Wie wir gesehen haben, ist Verliebtheit ein Gefühl, das wir kaum beeinflussen können, für das wir uns nicht so einfach entscheiden können und das uns zu alledem auch noch unkritisch macht - vor allem gegenüber dem Objekt unserer Verliebtheit. Schauen wir uns nun einmal an, was denn im Gegensatz dazu Liebe eigentlich ist...
Aber noch bevor wir damit richtig angefangen haben, ist uns (bzw. mir) auch schon der erste Fehler unterlaufen. Wenn wir nach der Liebe fragen, dürfen wir nicht fragen: Was ist Liebe?, sondern vielmehr: Wie ist die Liebe? Liebe nämlich ist eben kein Gefühl. Liebe ist eine Haltung, Liebe ist Sache einer Entscheidung! In unübertroffener Weise hat sich dazu der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther geäußert:
1. Korinther 13,4-8: Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe hört niemals auf.
Begreifen Sie jetzt, warum Gott uns das Gebot geben kann, einander zu lieben? Eben weil wir uns für die Liebe entscheiden können – wir können uns dafür entscheiden zu lieben. Wir können uns dafür entscheiden, das Beste für andere Menschen zu tun, obwohl wir ihre Fehler sehen und obwohl sie uns dies nicht in ähnlicher Weise vergelten werden. Verwechseln wir also nicht die Begriffe! Wenn wir verliebt sind, sollten wir nicht mehr sagen, dass wir lieben. Wenn wir lieben, sollte man dies an unseren Haltungen und Taten erkennen können – der zitierte Brief des Apostels Paulus mag uns diesbezüglich als Richtschnur dienen.



